Riechstoff - Lexikon (Ätherische Öle und Naturstoffe)


Kalmuswurzel und Kalmusöl

Stammpflanze: Acorus calamus L. (Kalmus) syn. Calamus aromaticus (Familie der Araceae - Aronstabgewächse (Arum family); in Ordnung Arales, Unterklasse Arecidae = Spadiciflorae; spadix="Kolben")

Varietäten: siehe Abschnitt Botanik

Andere deutsche Namen für die Pflanze: Deutscher Ingwer, Deutscher Zitwer, Magenwurz, Zehrwurz

engl.: sweet sedge, sweet flag; hindu: bachh; chines.: shih-ch`ang pu

für die Droge: dt.: Kalmuswurzel(stock), Kalmusrhizom; engl.: Acorus root, sweet flag root; frz.: Rhizome d´acore vrai, Rhizome de calamé; lat.: Rhizoma Calami, Calami rhizoma

für das Öl: lat.: Oleum Calami, Calami Aetheroleum; engl. Oil of Calamus

Herkunft: Heutzutage befinden sich die Hauptanbaugebiete der Kalmuspflanze in den GUS-Staaten und Jugoslawien, in Indien, Japan und Korea. Weiterhin kommt Kalmus in Nordamerika vor.

Botanik:

Bei den Vertretern der Ordnung Arales, zu der der die Kalmuspflanze gerechnet wird, handelt es sich um vorwiegend krautige Pflanzen mit mehr oder weniger ungeteilten Blättern. Ätherische Öle kommen nur bei einigen Arten vor, von denen der Kalmus die bekannteste sein dürfte. Systematisch interessant ist der Ort der Speicherung des ätherischen Öls: Es ist (wie bei den Magnoliales, Piperales und Zingiberales - Ingwer!) in sog. Exkretzellen (Einzelölzellen) lokalisiert.

Eine Besonderheit ist beim Kalmus das Auftreten von verschiedenen "Chromosomenrassen" (Vorhandensein mehrfacher Chromosomensätze). Man kennt z.B.

Tetraploide, fertile Sorten (vierfacher Satz): var. angustatus BESS. und var. versus L. (aus Ostasien)

Triploide, sterile Sorten (dreifacher Satz): var. vulgaris L. (aus Europa, Vorderasien)

Diploide Sorten (doppelter Satz): var. americanus WULFF (aus Nordamerika)

Der Gehalt an ätherischem Öl steigt mit dem Polyploidgehalt an, d.h. die tetraploiden Varietäten enthalten vergleichsweise am meisten ätherisches Öl (bis ca. 7%). Weiterhin unterscheiden sich die beschriebenen Sorten in der Zusammensetzung der Inhaltsstoffe: Tri- und tetraploide Pflanzen liefern Essenzen mit hohem ß-Asarongehalt (z.B. indische Ware 70 bis zu 90%, ja sogar 96% wurden gemessen; russisches Öl 50 bis 70%). Die diploiden Rassen ergeben nahezu asaronfreie Öle, was für die Verwendung als Heil- und Aromatisierungsmittel wichtig, in der Parfümerie jedoch ein großer Nachteil ist. Die typische "Kalmusduftnote" ist nämlich an das Vorhandensein von Asaron gebunden. Das ß-Asaron hat eine dem starken Tranquilizer Chlorpromazin vergleichbare Wirkung, soll aber (aufgrund von Tierversuchen festgestellt) auch eine kanzerogene (krebsauslösende) Wirkung besitzen. Bei Mißbrauch hoher Dosen wirkt asaronhaltige Kalmuswurzel sogar halluzinogen (psychedelika-ähnlicher Rauschzustand). Die handelsüblichen getrockneten Kalmuswurzeln werden daher aus asaronarmen Sorten ausgewählt.

Die Vermehrung dieser Sumpfpflanze erfolgt vegetativ.

Gewinnung:

Man geht von den getrockneten, rötlichweißen, porös-weichen Rhizomstücken aus, die in der Regel von Blattresten und kleineren Wurzelteilen befreit worden sind. Für die Erzeugung von 1 kg Essenz benötigt man bis zu 50 kg Rhizomstücke. Das DAB 7, DDR schreibt für die getrockneten Stücke einen Mindestgehalt von 3,5% ätherisches Öl vor, das österreichische Arzneibuch ÖAB 90 2%. Die Gewinnung der Essenz geschieht durch klassische Wasserdampfdestillation.

Man kann auch eine sog. Kohlendioxidextraktion des Rhizoms durchführen, solche Produkte sind aber sehr teuer. Der Vorteil: CO2-Extrakte geben das Aroma der Pflanze viel naturgetreuer wieder als Destillate.

Beschreibung:

Wasserdampfdestilliertes Kalmusöl ist relativ dickflüssig, gelb bis bräunlich-gelb, von würzig-bitterlichem und brennendem Geschmack. Der Duft ist bei asaronhaltigen Ölen sehr typisch-aromatisch und würzig.

Inhaltsstoffe:

Das ätherische Öl besteht im Wesentlichen aus Sesquiterpenen und Phenylpropanen. Wie bereits weiter oben ausgeführt, weisen die polyploiden Kalmusarten einen hohen ß-Asarongehalt auf. Daneben kommt Isoeugenol-methyläther in nennenswerter Menge vor. In triploiden Pflanzen findet man einen hohen Gehalt an Sesquiterpenketonen (z.B. Shyobunon). Daneben enthalten Kalmusöle den Sesquiterpen-Bitterstoff Acoron, eine flüchtige Verbindung mit Spiranstruktur.

Das Kalmusrhizom selbst enthält auch Gerb- und Bitterstoffe (Acorin oder Acoron), zusätzlich Cholin, Methylamine, Schleimstoffe, Zucker und kleinkörnige Stärke (Stärkegehalt 25-40%).

ROTH und KORMANN geben eine einfache Methode zur Abschätzung des ß-Asarongehaltes von Kalmusöl über den (analytisch leicht zu bestimmenden) Brechungsindex an. Danach sollen Öle mit einem Refraktionsindex unter 1,500 nur sehr wenig oder kein ß-Asaron (Isoasaron) enthalten, dagegen weisen Öle mit Werten über 1,500 bis 1,5545 einen Gehalt zwischen 3,3 und 96,5% dieser Substanz auf.

Durch fraktionierte Destillation von Kalmusöl kann das ß-Asaron isoliert werden; die zwischen 185 und 200 °C übergehende Fraktion besteht hauptsächluch aus diesem Phenylpropanderivat.

Anwendung:

Lebensmittelaromatisierung (Gewürz, Herstellung von Likören und orientalischen Getränken, Zuckerwaren):

Kalmus hat, besondes in Indien und Ostasien, eine lange Tradition als Gewürz. Hier wird vor allem die gepulverte Droge selbst, meist in Mischung mit Vanille, Zimt und/oder Muskatnuß verwendet. Er ist auch in Curry enthalten. Eine "aphrodisierende" Gewürzmischung beschreibt AIGREMONT (1986, zit. in Rätsch): Kalmus, Galgant, Anis, Muskatblüte, Kümmel und Petersilie.

In entsprechend niedriger (!) Einsatzmenge kann auch Kalmusöl Verwendung in Liköraromen oder als Würzöl finden.

Es ist bei ätherischen Ölen generell empfehlenswert, sie vor der Verwendung zum Würzen mit einem guten Speiseöl zu verdünnen (z.B. 1 ml ätherisches Öl auf 100 ml Sonenblumenöl), um sie besser dosieren zu können. Bei sparsamem Einsatz kommt das Aroma voll zur Geltung, während ein Zuviel die Speise zu verderben vermag.

Im Falle des Kalmusöls muß die Verdünnung schon aus lebensmittelrechtlichen Gründen sehr hoch sein:

Die deutsche Aromenverordnung vom 22.12.1981 begrenzt in Übereinstimmung mit entsprechenden EG-Richtlinien den ß-Asarongehalt in Lebensmitteln und Getränken streng wie folgt (die angegebenen Werte stellen Höchstmengen im verzehrfertigen aromatischen Lebensmittel dar):

Getränke: 0,1 mg/kg - Andere Lebensmittel: 0,1 mg/kg - Alkoholische Getränke und Würzen für "Snacks": 1 mg/kg

Zur Verdeutlichung: Die erlaubte Konzentration 1 mg/kg entspricht etwa der Dosierung von nur 4 Tropfen (!) einer 1%igen Verdünnung von Kalmusöl in Trägeröl (= der oben beschriebenen Verdünnung von 1 ml ätherischem Öl auf 100 ml Speiseöl) in 1 Liter alkoholischem Getränk, wenn man von einem mittleren Asarongehalt im Kalmusöl von 50% ausgeht.

Parfümerie:

Der Einsatz von ätherischem Kalmusöl als Duftkomponente in Parfums ist nicht sehr verbreitet, aber möglich. Hier sind die asaronhaltigen Öle eindeutig zu bevorzugen. Die Duftnote paßt für kräuterhaft-würzige Noten, insbesondere in Kompositionen vom Typ Chypre, Ambra oder Tabak.

Kosmetik:

Das Öl wird in diesem Bereich vorwiegend als Zusatz zu Mund- und Gurgelwässern bzw. Badeessenzen verwendet.

Aromatherapie, Heilkunde:

Äußerlich angewandt, wirken Präparate aus Kalmuswurzel als milde Hautreizmittel. Tee aus Kalmusrhizom wird aufgrund der entblähenden Wirkung und seinem Bitter- bzw. Gerbstoffgehalt bei "nervösen Magenbeschwerden", Blähungen und Appetitmangel empfohlen. Hier ist wegen des möglichen Isoasarongehaltes auf europäische oder noch besser deutsche Ware (-->asaronarme Rassen) Wert zu legen. Der Asarongehalt von Kalmus-Teedroge sollte unter 0,5% liegen. Kalmusbäder werden bei Erschöpfung und Nervenschwäche genommen. Zu Heilzwecken verwendetes Kalmusöl muß aus diploiden, asaronarmem Kalmus gewonnen werden.

Wir verweisen in diesem Zusammenhang auf das Merkblatt "Gefahren ätherischer Öle" und auf das Sicherheitsdatenblatt nach Richtlinie 91/155/EWG.

Teezubereitung: Etwa 1 bis 1,5 g Kalmuswurzel (gröbere Stücke müssen zerkleinert oder grob gepulvert werden) werden mit siedendem Wasser überbrüht oder kalt angesetzt und kurz aufgekocht; nach 5minütigem Ziehenlassen durch ein Teesieb geben.

Gesetzliche Vorschriften:

Die Begrenzung des Asaron- und damit des Kalmusölgehaltes in Lebensmitteln wurde bereits weiter oben dargestellt (deutsche Aromenverordnung).

Im Rahmen der sonstigen arzneimittelrechtlichen Bestimmungen ist Kalmusöl als Arzneimittel für den Verkehr außerhalb der Apotheken freigegeben (Anl. 1a der Verordnung über apothekenpflichtige und freiverkäufliche Arzneimittel).

Acorus calamus: Monographie der Kommission D des ehem. BGA.

Literaturhinweise:

Aromenverordnung in der Fassung des Art. 22 der VO zur Neuordnung lebensmittelrechtlicher Kennzeichnungsvorschriften vom 22.12.1981, Anlage 1a zu §1 Abs. 1 Ziff. 1, in: Lebensmittelrecht Textsammlung Band II (C.H. Becksche Verlagsbuchhandlung, München)

Frohne D., in Wichtl M. (Hrsg.), Teedrogen - Ein Handbuch für Apotheker und Ärzte 3. Aufl. (Wiss. Verlagsges. mbH, Stuttgart)

HUNNIUS Pharmazeutisches Wörterbuch 7. Aufl. 1993, S. 17f (Walter de Gruyter, Berlin)

Ohloff Günther, Irdische Düfte - Himmlische Lust: Eine Kulturgeschichte der Duftstoffe 1. Aufl. 1996 (insel Taschenbuch 1777)

Roth/Kormann, Duftpflanzen - Pflanzendüfte: Ätherische Öle und Riechstoffe 1997, S. 227 (ecomed Verlagsgesellschft, Landsberg)

Seitz R., Sonderausstellung im Deutschen Museum, München: Welt der Gewürze - Gewürze der Welt (DAZ 02/24) (13-06-2002)

Stahl E. und Keller K., Dtsch. Apoth. Ztg. 122, 2463 (1982)

Stahl E. und Keller K., Planta Med. 43, 128 (1981) und 47, 71 (1983)

Verordnung über apothekenpflichtige und freiverkäufliche Arzneimittel in der Fassung der Bek. vom 24.11.1988, geändert durch VO vom 22.01.1996, in: Wilson O./Blanke G., Apotheken- und Arzneimittelrecht (GOVI-Verlag, Eschborn)

Wicht M. (Hrsg.), Teedrogen, Eintrag Kalmuswurzel/Calami Rhizoma, 1. Aufl., S. 181 (Wiss. Verlagsges. mbH, Stuttgart 1984)

Information erstellt am 21.02.1999


Letzte Änderung am 13.01.2006

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